Rettung vom Zwergenland

Vor vielen, vielen Jahren lebte ein alter etwas leicht verrückter und sehr gemeiner Zauberer auf einem hohen mit Bäumen bewachsenen Berg. Auf dem Gipfel aber stand das Schloss des Königs und der traurigen Königin. Der Zauberer, man nannte ihn Fridolin, besaß übergroße Kräfte.

Vor genau dreizehn Jahren aber nahm er dem König und der Königin ihr langersehntes Kind bei der Geburt weg. Die kleine Prinzessin Sophie lebte seitdem eingeschlossen bei dem Zauberer auf dem Berg.

Das Königreich wollte den Zauberer nicht zum König machen, und darum wollte er sich rächen. Jeden Tag versuchten die Erwachsenen, Kinder und alle, die im Königreich lebten, die junge Prinzessin zu befreien. Doch sie waren chancenlos, der Zauberer hatte zu viel Kraft. Alle waren verzweifelt und grübelten, wie man bloß einen besseren Plan hätte, der kleinen Prinzessin zu helfen.

Eines schönen Tages gaben der König und seine Frau eine Botschaft an das Volk: „Wer unsere kleine Sophie findet, der soll reich belohnt werden und unsere Tochter zur Frau bekommen.”

Jeder begab sich auf den Weg zu dem Berg. Natürlich hatten alle den Gedanken die Prinzessin zu finden und anschließend zu heiraten. Bald schon war das ganze Königreich ohne Burschen, und nur die Frauen blieben zurück. Auch im Zwergenland bekam man dieses Ereignis mit. Doch dafür fühlten sie sich zu schwach und zu klein.

Einer der Zwerge sagte: „So etwas können wir niemals schaffen.”

Doch der kleinste von allen Zwergen sagte: „Halt, warum glaubt ihr so etwas? Vielleicht könnte es doch einer von uns. Nicht immer sind die Großen die Besten.”

Da fingen die anderen an zu lachen: „Gero, du bist doch unser kleinster Zwerg von allen, und ausgerechnet du sagst so etwas.”

Ein paar Tränen kullerten seine Wangen hinunter, doch er gab die Hoffnung nicht auf. Er holte sein Haustier, einen Drachen, und flog mit ihm davon. Stunden später landete er auf dem Berg des Zauberers. Doch da ereignete sich ein großes Gewitter. Er spürte den Regen, hörte den Donner und bekam große Angst. Sein Drache aber legte sich auf die Wiese und schlief ein. Da! Ein Blitz. Es knirschte. Wind kam auf. Es wurde laut. Die Bäume bogen sich und ein Ast fiel ab.

„Was ist hier los?”, fragte der kleine Zwerg.

Niemand antwortete ihm. Die Wolken zogen sich zusammen. Was war das? Der Zwerg spürte nur noch einen Schlag auf den Hinterkopf und fiel zu Boden.

Als er aufwachte, hörte er eine leise und sanfte Stimme sprechen: „Wer bist du? Was machst du hier? Willst du mir helfen?”

Es war die kleine Prinzessin Sophie, die zu ihm sprach. Sie war noch jung, aber sie war wunderschön. Langes blondes Haar fiel ihr bis auf die Schultern. Mit glitzernden blauen Augen schaute sie zu ihm hinab. Jetzt erst bemerkte er sie und verstand, dass der Zauberer ihm wohl von hinten auf den Kopf geschlagen haben musste und ihn dann bei Sophie eingesperrt hatte.

Die Prinzessin weinte laut: „Du warst so tapfer und wolltest mich befreien, und nun sind wir beide hier gefangen und werden nie mehr befreit.”

Der kleine Zwerg wurde nachdenklich. Wie ein Blitz schoss es kurze Zeit später aus ihm heraus. „Halt! Warte! Es gibt noch eine Chance, dich und auch mich zu retten. Mein Drache liegt noch draußen und schläft.”

Doch es war schon zu spät. Als sie durch das Gitter des Tores blickten, kämpfte der Drache gerade mit dem Zauberer um sein Leben. Der Zauberer verwandelte ihn schließlich auch in einen Zwerg. Doch als Zwerg war er nicht dumm. Er lief dem Zauberer davon und erreichte vor ihm das Tor, hinter dem der Zwerg Gero und die Prinzessin gefangen gehalten wurden.

„Halt! Ich kriege dich”, rief der Zauberer hinter ihm her, aber der Zwerg hatte bereits den Schlüssel für das Tor erreicht. So schnell wie möglich schloss er auf, und die beiden Gefangenen konnten heraus. Hinter ihnen aber näherte sich der Zauberer und sprach einen Zauberspruch, mit dem er die drei töten wollte. Die Prinzessin aber sprang auf ihn, und sie sperrten den Zauberer ein. Jetzt konnten alle drei endlich zusammen fliehen.

Als sie im Königreich ankamen, wurde ein großes Fest gegeben. Auch aus dem Zwergenland waren alle dazu herzlichst eingeladen. Der Zwerg Gero aber bekam die Prinzessin zur Frau, als sie ihren achtzehnten Geburtstag feierte. Schon bald darauf verwandelte sich der verzauberte Zwerg wieder in einen Drachen. Und sie lebten alle glücklich bis an ihr Lebensende. Von dem gemeinen Zauberer aber wurde nie mehr ein Wort erwähnt.

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